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Barsch-Kannibalismus und seine Auswirkungen

Jeder kennt Aussagen die so oder so ähnlich klingen: „Was ein 40er Barsch, früher gab es hier nur 20er!“ Doch woran kann so etwas liegen? Viele werden jetzt denken, die Zeit, die Fische wachsen halt einfach, doch das Gewässer hat sicher schon existiert bevor ihr dort geangelt habt, warum waren also die Fische nicht damals schon so groß, oder waren sie es vielleicht?

Zu dieser extrem spannenden Frage, haben Persson und Mitarbeiter (2003) einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlich, den ich hier für euch kurz zusammenfassen möchte.

Grundlage dieser Studie waren Daten zu Fischgrößen innerhalb einer Barschpopulation in einem kleinen, nur 10 ha großen Waldsee, die über einen Zeitraum von 10 Jahren gesammelt wurden. Auf Grundlage dieser Daten wurden Größenverteilungsmuster identifiziert und die Dynamiken – also die Änderung der Größenverteilung innerhalb der Population über die Zeit- analysiert. Anschließend wurde mit diesen Daten ein Modell kalibriert und getestet, ob anhand dieses Modells Faktoren identifiziert werden konnten, die diese Dynamiken verursachen, bzw. beschreiben.

Die Ergebnisse sind faszinierend. Zunächst einmal, Kannibalismus ist einer der entscheidenden Faktoren, ob es in einem See eher viele kleine Barsche, oder aber große Fische die Population dominieren. Wichtiger als der pure Kannibalismus ist aber die Größe und die damit gewonnene Energie aus den gefressenen Artgenossen.

In der Studie zeigte sich, dass wenn sich eine Population zu einem bestimmten Zeitpunkt hauptsächlich aus mittelgroßen Barschen (älter als 2 Jahre; 15 bis 20 cm) und sehr kleinen YOY- Barschen (Young oft the Year; um die 5 cm) zusammensetzt, wurde häufig die einjährige Altersklasse von den etwas Größeren, 2-jährigen Fischen stark dezimiert. Die Energie jedoch, welche aus diesen 1-jährigen Fischen gewonnen wurde und welche jetzt noch in Form von YOY- Barschen für die älteren Fische zur Verfügung steht, ist nicht sehr groß. Die 2-jährigen Barsche müssen sich zusätzlich, neben dem Kannibalismus, von Insekten und Zooplankton ernähren. Das Ergebnis ist ein langsames Wachstum und eine geringe Maximallänge.

Dieser Zustand kann sich über mehrere Jahre erhalten, bis die Ausfälle in der bei den größeren Barschen, durch Räuber oder andere Umstände so groß sind, dass eine größere Gruppe von YOY- Barschen dem Fraßdruck entkommt und im folgenden Jahr eine starke Gruppe an einjährigen Fischen stellt.

Die verbliebenen großen Fische haben nun eine ungleich höhere Energiequelle zur Verfügung, da sie nun größere 1-jährige Barsche als Nahrung zur Verfügung haben. Dies bedeutet, die verbliebenen großen Fische wachsen sehr schnell und erreichen große Maximallängen. Durch diese erhöhte Nahrungszufuhr, erhöht sich auch die Laichproduktion der verbliebenen großen Fische, was eine beachtliche YOY- Barsch Menge im folgenden Jahr hervorbringt. Diese YOY- Barsche wiederum stellen eine große Konkurrenz für die 1-jährigen Barsche in Bezug auf die Verfügbarkeit der Hauptnahrung, des Zooplanktons, dar. Dies hat zur Folge, dass viele der 1-jährigen Barsche schlicht verhungern.

Diese Wechselwirkung kann sich über mehrere Jahre wiederholen, bis die Ausfälle (Tot, natürliche Feinde, Angler) bei den verbliebenen sehr großen Individuen so hoch werden, dass es einer Gruppe 1-jähriger Barsche gelingt der Konkurrenz mit den YOY- Barschen um Zooplankton zu entfliehen. Dies gelingt den 1-jährigen Barschen durch Wachstum und der damit verbundenen Umstellung der Nahrung auf Fisch.

Diese Gruppe 1-jähriger Barsche dominiert die Barschpopulation in den folgenden Jahren. Für die verbliebenen großen Individuen fallen diese Fische durch ihre Größe als Nahrung weg, und somit bleiben nur die energieärmeren YOY- Barsche übrig. Die YOY- Barsche werden zusätzlich von den größeren 1-jährigen, bzw. im Folgenden Jahr 2-jährigen, Barschen gefressen, und somit steht wieder für die mittelgroßen Barsche keine energiereiche Beute zur Verfügung. Dieser Nahrungsmangel resultiert erneut in geringen Wachstumsraten und kleinen Maximallängen. Und dann kann das Spiel wieder von vorn beginnen.

Die Essenz für uns Angler aus dieser Studie ist ganz einfach: Nur, weil ein Gewässer bisher keine guten Fische gebracht hat, muss das nicht auch so bleiben. Es kann sich immer lohnen an diesem Gewässer einen Versuch zu starten. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass ein zurzeit produktives Barschgewässer nach einigen Jahren schlicht und ergreifend unproduktiv in Bezug auf die Maximalgrößen der Fische werden kann.

 

Referenz:

  • Persson, L., De Roos, A. M., Claessen, D., et al. (2003). Gigantic cannibals driving a whole-lake trophic cascade. Proc Natl Acad Sci U S A, 100(7), 4035-4039. doi:10.1073/pnas.0636404100

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